Es gibt Opernabende, die eine Geschichte erzählen. Und es gibt solche, die eine eigene Welt erschaffen. Karlheinz Stockhausens Mittwoch aus Licht gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Die Deutsche Oper Berlin wagt mit dem mehr als vierstündigen Werk ein Musiktheater, das sich den üblichen Vorstellungen von Handlung, Figuren und Oper konsequent entzieht.
Mittwoch aus Licht ist Teil von Stockhausens monumentalem Zyklus Licht. Die sieben Tage der Woche. Rund 29 Stunden umfasst das Gesamtwerk – ein eigener Kosmos aus Musik, Religion, Mythologie, Technik und Esoterik.
Einen klassischen Plot gibt es nicht. Regisseurin Susanne Kennedy findet dafür einen überzeugenden Zugriff: Sie liest das Werk als postapokalyptisches Szenario. Eine Katastrophe scheint hinter den Menschen zu liegen. Nun müssen sie neu herausfinden, wie sie zusammenkommen, sich organisieren, Rituale entwickeln und miteinander die großen Fragen verhandeln. So lässt sich der Abend zugleich als Warnung an die Menschheit und als Utopie verstehen. Ist der Mensch zum Scheitern verurteilt – oder kann er eine neue Form des Zusammenlebens entwickeln?

© Julian Röder
Dass das ziemlich schräg wirkt, gehört zum Reiz. Stockhausen ordnet dem Mittwoch ein ganzes kosmisch-astrologisches System zu: Merkur, die Zahl Acht, die Farbe Gelb und das Element Luft. Dazu kommen Weihrauch, Edelsteine, Pflanzen und Tiere. Zentrale Themen sind Liebe, Freundschaft und kosmische Solidarität. Christliche Symbolik, Astrologie und Esoterik verbinden sich zu einem eigenwilligen Weltbild. Man muss es nicht teilen, um seine Konsequenz faszinierend zu finden. Innerhalb des Licht-Kosmos wird der Mittwoch zum Tag der Liebe, Verständigung und Erkenntnis.
Besonders überzeugend ist deshalb das Welt-Parlament. Der Chor wird zu einer globalen Versammlung, die über die Liebe verhandelt. In Kennedys Inszenierung wirkt es wie die Institution einer neuen Zivilisation: Die alten Ordnungen sind verschwunden, Verständigung muss neu gelernt werden. Im abschließenden „Michaelion“ wird diese Idee ins Universum erweitert. Aus dem Weltparlament wird ein intergalaktisches Parlament mit Delegierten aus dem Kosmos – und einem Kamel als Präsidenten. Ernst, Esoterik und Humor liegen bei Stockhausen erstaunlich nah beieinander.
Faszinierend ist Kennedys Umgang mit Religion. Prozessionen, sakrale Gewänder und feierliche Gesten erinnern an katholische Rituale, sind ihrer ursprünglichen Bedeutung jedoch entfremdet. Sie verbinden sich mit Elementen anderer Religionen, als habe eine neue Gesellschaft nur Fragmente alter Glaubenswelten bewahrt und setze daraus ihre eigenen Rituale zusammen. Die außergewöhnlichen Kostüme von Andra Dumitrascu verstärken diesen Eindruck.
Ebenso beeindruckend ist das Bühnenbild von Markus Selg. Sand, monumentale Steinformen und eine archaische Kultstätte treffen auf digitale Bilder von Kathedralen, Tempeln, Raketen, Explosionen, Meer, Himmel und Tieren. Die Visualisierungen sind wunderschön. Zeitweise wirkt die Bühne wie ein Raumschiff, das die kulturellen Erinnerungen der Menschheit in eine unbekannte Zukunft transportiert.
Spektakulär ist natürlich das berühmte Helikopter-Streichquartett: Vier Streicher spielen in vier Hubschraubern, während sich Instrumentalklänge, Stimmen und Rotorengeräusche verbinden. Für Berlin wurde der Flug vorab in Schönhagen aufgezeichnet und aus unterschiedlichen Perspektiven übertragen. Das ist technisches Spektakel, fügt sich aber konsequent in Stockhausens Kosmos ein: Das Element des Mittwochs ist die Luft – die Musik hebt buchstäblich ab.

© Julian Röder
Das musikalische Zentrum des Abends ist jedoch der Chor der Deutschen Oper Berlin. Sprechgesang, komplexe polyphone Strukturen, Klangflächen, Fantasiesprache und elektronische Zuspielungen stellen enorme Anforderungen.
Dass daraus eine derart geschlossene musikalische und szenische Einheit entsteht, ist eine Meisterleistung. Gerade im Weltparlament wird die Vielstimmigkeit zugleich zur Metapher: Viele unterschiedliche Stimmen müssen lernen, gemeinsam zu existieren.
Der Aufwand dieser Produktion ist unglaublich: Chor, Solisten, Instrumentalensemble, Elektronik, Videos, aufwendige Kostüme und Bühnenbilder bis hin zu vier Hubschraubern. Ein Gesamtkunstwerk, dessen Dimensionen auch erklären, warum Mittwoch aus Licht so selten vollständig szenisch zu erleben ist.
Man muss Stockhausens kosmisch-astrologisches Weltbild nicht teilen. Gerade die Mischung aus entfremdeten katholischen Ritualen, Esoterik, Science-Fiction und Zukunftsutopie macht jedoch den besonderen Reiz dieses Abends aus. Dazu kommt ein enormer szenischer und musikalischer Aufwand – von den eindrucksvollen Bildwelten und Kostümen bis zum Helikopter-Streichquartett.
Susanne Kennedy macht daraus das Bild einer neuen Zivilisation nach der Katastrophe. Die Menschen müssen Verständigung neu lernen, Rituale erfinden und Formen des Zusammenlebens finden. Aus dem Weltparlament wird schließlich ein Parlament des Kosmos – die Suche nach Gemeinschaft überschreitet die Grenzen der Erde.
Und am Ende führt Stockhausen all das wieder auf einen erstaunlich einfachen Gedanken zurück: Liebe, Musik und die Verbindung mit etwas, das über den einzelnen Menschen hinausweist. Die letzten gesungenen Worte kreisen um die Aufgabe, die Liebe auf ewig zu besingen. Damit endet dieser exzentrische Abend nicht in der Apokalypse, sondern mit einer geradezu unbeirrbaren Hoffnung auf Verständigung.
Schräg? Zweifellos. Aber gerade deshalb ein außergewöhnlicher Opernabend – und vielleicht sogar ein überraschend optimistischer.
