Zwischen Licht und Schmerz – ein Abend mit Han Kang

 Es ist, als säße ein zarter Vogel in einem kleinen Nest und machte von dort aus die Welt groß. Dieses Bild bleibt mir nach dem Abend mit Han Kang in der Berliner Philharmonie. Die südkoreanische Literaturnobelpreisträgerin wirkt still, zurückhaltend, ganz bei sich. Und doch öffnet sich in ihrem Erzählen eine erstaunlich weite Welt – eine Welt der Pflanzen und Wolken, des Schnees, des Lichts und der Schatten, aber auch der Gewalt, der Erinnerung und des menschlichen Schmerzes.

Am 7. September ist Han Kang im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin zu Gast im Kammermusiksaal der Philharmonie. Martina Gedeck liest aus Der goldene Faden und weiteren Werken, Katharina Borchardt moderiert das Gespräch. Mitglieder der Berliner Philharmoniker begleiten den Abend mit Musik von Claude Debussy und Maurice Ravel.

Es ist eine ungewöhnlich stimmige Verbindung. Literatur und Musik treten nicht in Konkurrenz zueinander, sondern schaffen gemeinsam etwas, das auch Han Kangs Schreiben auszeichnet: Räume der Konzentration. Für einen Moment scheint die Zeit langsamer zu werden.

Die große Welt im Kleinen

Han Kangs Aufmerksamkeit besitzt die Energie einer zärtlichen, meditativen Betrachtung. Sie nimmt sich Zeit. Stille und Langsamkeit wirken an diesem Abend beinahe wie ein Gegenentwurf zu unserer überladenen Aufgeregtheit. Sie erzählt von ihrem kleinen Zuhause: 33 Quadratmeter, dazu ein 17 Quadratmeter großer Garten auf der Nordseite. Bücher, Tisch, Stuhl – wenig mehr. Und doch entsteht aus dieser räumlichen Begrenzung eine große Welt. Weil ihre Pflanzen zu wenig Licht bekommen, beginnt sie, sie künstlich zu beleuchten. Immer wieder muss sie die Lampen neu ausrichten. Sie beobachtet, wie aus Pflänzchen Pflanzen werden, wie Licht und Schatten wandern. Aus diesen Beobachtungen entsteht ein Gartentagebuch. Das Kleine wird unter ihrem Blick bedeutsam. Eine Pflanze ist nicht einfach eine Pflanze, Licht nicht nur Helligkeit, Schnee nicht bloß eine Landschaft. Die Dinge scheinen sich zu verwandeln, sobald man ihnen genügend Aufmerksamkeit schenkt. Han Kang sagt, sie möchte mit ihren Arbeiten Licht einfangen. Vielleicht ist dies einer der Sätze, die den Abend am besten beschreiben.

Wenn das Licht auf die Gewalt trifft

Denn die Zartheit ihres Blicks bedeutet keineswegs, dass sie vor dem Grauen zurückweicht. Im Gegenteil. Ihre Literatur führt immer wieder dorthin, wo Menschen anderen Menschen Gewalt antun. In Menschenwerk beschäftigt sich Han Kang mit dem Massaker von Gwangju im Jahr 1980. Sie selbst hat die Ereignisse nur indirekt erfahren. Dennoch lässt die Erinnerung daran sie nicht los. Wie kann extreme Gewalt geschehen? Was bleibt von ihr in den Menschen zurück? Und wie können wir uns dem Schmerz derjenigen nähern, die ihn erfahren haben? Ein Bild prägt sich mir an diesem Abend besonders ein: eine Schneelandschaft, übersät mit den Gebeinen der Toten, dahinter das strahlende Meer. Schönheit und Grauen existieren gleichzeitig. Eigentlich, erzählt Han Kang, wollte sie eine Geschichte schreiben, in der ein helles Licht alles überstrahlt. Doch es gelingt ihr nicht. Die politische Realität drängt sich hinein. Vielleicht liegt gerade darin die eigentümliche Kraft ihrer Literatur. Ihre Bilder besitzen etwas Weiches, beinahe Schwebendes: Schnee, der schmilzt, Licht, Pflanzen, Wolken, Körper. Und gerade diese Zartheit trifft auf die Härte der Geschichte. Licht und Dunkelheit heben sich bei Han Kang nicht gegenseitig auf. Sie existieren nebeneinander.

Zwei Leben gleichzeitig

Besonders nah kommt man Han Kang an diesem Abend, wenn sie über ihr Schreiben spricht. Ein Roman entsteht bei ihr lange im Kopf. Sie geht umher, liest, verschiebt Gedanken und Szenen, probiert aus, verwirft und beginnt erneut. Schreiben scheint bei ihr weniger ein linearer Arbeitsprozess zu sein als ein Zustand, in den sie eintritt. Während dieser Zeit lebt sie gewissermaßen zwei Leben gleichzeitig: ihr eigenes und das Leben in der Welt des Romans. Vielleicht beeindruckt an Han Kang besonders, dass ihr Schreiben etwas fast Autotelisches besitzt: Es scheint seinen Zweck zunächst in sich selbst zu tragen. Schon als Kind schrieb sie ihre Gedanken auf kleine Zettel. Jahrzehnte später schreibt sie noch immer aus einem tiefen Bedürfnis heraus, sich der Welt schreibend anzunähern. Selbst wenn sie von der Nachricht über den Literaturnobelpreis erzählt, bleibt der Ton unspektakulär. Sie trinkt Kamillentee mit ihrem Sohn. Irgendwann kommen so viele Nachrichten auf ihrem Telefon an, dass sie es beiseitelegt. Diese Zurückhaltung passt zu dem Eindruck des gesamten Abends. Hier sitzt keine Schriftstellerin, die sich selbst in den Mittelpunkt rückt. Im Mittelpunkt steht das, was sie wahrnimmt. Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Präsenz.

Der goldene Faden

Schon als kleines Mädchen schrieb Han Kang ihre Gedanken und Gedichte auf kleine Zettel. In einem Gedicht, das sie als Achtjährige schrieb und Jahrzehnte später wiederfand, fragt sie nach der Liebe:

„Wo könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.
Was ist Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.“

Dieses frühe Bild wirkt wie eine Spur durch ihr späteres Werk. Der goldene Faden verbindet das Kind mit der Schriftstellerin von heute – und führt zugleich zu einer Frage, die an diesem Abend immer wieder aufscheint: Was bedeutet es, einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen? Für Han Kang scheint Liebe untrennbar mit Verletzlichkeit verbunden. Wer einen Menschen liebt, spürt auch seinen Schmerz. Hier berühren sich die poetische und die politische Seite ihres Schreibens. Han Kang würde gern hellere, leichtere Geschichten schreiben – und doch führt ihr Blick immer wieder dorthin, wo es dunkel wird: zu Gewalt, Verlust, Tod und Erinnerung. Und trotzdem ist ihre Literatur nicht dunkel. Sie sucht nach dem Licht – gerade dort, wo es kaum noch zu finden scheint.

Am Ende bleibt deshalb das Bild vom Anfang: der zarte Vogel in seinem kleinen Nest, der die Welt groß macht. Han Kang beobachtet eine Pflanze, das Licht, eine kleine Veränderung – und ihr Blick reicht zugleich weit hinaus zu den Verletzungen anderer Menschen.

Vielleicht führt genau dort der goldene Faden entlang. Von der Pflanze zum Menschen. Von der Schönheit zum Schmerz. Vom achtjährigen Mädchen zur Literaturnobelpreisträgerin. Und von einem Herzen zum anderen.

Dass an diesem Abend Debussy und Ravel zwischen den Gesprächen und Lesungen erklingen, wirkt deshalb nicht wie ein schmückendes Rahmenprogramm. Die Musik setzt fort, was ihre Sprache tut. Auch sie arbeitet mit Stimmungen, Übergängen, Verdichtungen, mit Licht und Schatten.