Giuseppe Verdis Oper an der Deutschen Oper Berlin: Eine Inszenierung, die das Publikum spaltet und erst bei wiederholter Betrachtung ihre Vielschichtigkeit offenbart.
„Wir wollen Oper!“, ruft ein Zuschauer empört in den Saal. Ein anderer kommentiert: „Es muss fließen!“ Zwei Reaktionen, die den zentralen Konflikt von Frank Castorfs Inszenierung von Giuseppe Verdis La forza del destino kaum treffender beschreiben könnten. Denn was geschieht, wenn eine Oper nicht mehr ausschließlich emotional erlebt werden kann, sondern immer wieder zum Nachdenken zwingt?
Alle guten Dinge sind drei – das gilt zumindest für eine Mutter und ihren Sohn, die alle drei Vorstellungen der Wiederaufnahme besuchten. Was zunächst irritierte, erschloss sich mit jedem weiteren Besuch deutlicher. Bilder ließen sich neu einordnen, historische Bezüge wurden verständlicher und zusätzliche Bedeutungsebenen erkennbar. Aus drei Opernbesuchen wurde ein fortschreitender Prozess des Verstehens.

© Bettina Stöß
Verdis La forza del destino erzählt von Liebe, Schuld, Rache und tragischen Schicksalsverstrickungen. Die Musik entfaltet eine emotionale Intensität, die das Publikum unmittelbar erreicht. Frank Castorf durchbricht diese Wirkung bewusst. Er erweitert die Handlung um politische und historische Dimensionen: Kolonialismus, Faschismus, Krieg und Gewalt werden zu Bezugspunkten einer Erzählung, die weit über das persönliche Schicksal der Figuren hinausreicht. Texte von Heiner Müller und Curzio Malaparte eröffnen zusätzliche Perspektiven. Doch diese Erweiterungen haben ihren Preis. Gesprochene Passagen unterbrechen den musikalischen Zusammenhang. Wo Verdis Musik emotionale Spannung aufbaut, setzt Castorf einen gedanklichen Einschnitt. Die Aufmerksamkeit verlagert sich vom Empfinden zum Interpretieren. Der Zuschauer, der fordert, es müsse fließen, benennt damit ein grundlegendes Problem: Die emotionale Kontinuität wird unterbrochen. Statt sich von der Musik tragen zu lassen, muss das Publikum historische Bezüge entschlüsseln und widersprüchliche Bilder verarbeiten.

© Bettina Stöß
Das Bühnenbild von Aleksandar Denić ist eindrucksvoll, opulent und stellenweise überladen. Militärische Szenerien, religiöse Motive und historische Versatzstücke verdichten sich zu einer komplexen Bilderwelt. Videoprojektionen und Live-Kameraaufnahmen erweitern das Geschehen um zusätzliche Perspektiven. Diese visuelle Vielfalt gehört zu Castorfs Theaterästhetik. Allerdings konkurrieren die Bilder häufig miteinander. Während die Sängerinnen und Sänger agieren, beanspruchen Projektionen und parallele Handlungen die Aufmerksamkeit. Manche Visualisierungen wirken irritierend, andere lenken vom eigentlichen Geschehen ab. Die Fülle musikalischer, sprachlicher und visueller Informationen kann anregend sein, führt aber ebenso zu einer Überforderung der Wahrnehmung. Weniger wäre an manchen Stellen mehr gewesen.
Die Forderung „Wir wollen Oper!“ bringt eine Erwartungshaltung zum Ausdruck, die Castorfs Regie grundsätzlich infrage stellt. Für einen Teil des traditionellen Opernpublikums stehen Musik, Gesang und emotionale Beteiligung im Mittelpunkt. Gesprochene Texte und politische Kommentare werden deshalb nicht als Erweiterung, sondern als Störung empfunden. Castorf verweigert diese Erwartung. Seine Inszenierung verlangt einen Wechsel zwischen emotionaler Beteiligung und intellektueller Distanz. Während Musik Gefühle unmittelbar auslösen kann, erfordern komplexe Bilder und historische Anspielungen kognitive Verarbeitung. Beide Wahrnehmungsformen geraten hier immer wieder in Konkurrenz. Darin liegt der experimentelle Charakter seiner Regie. Allerdings wäre es zu einfach, die ablehnenden Reaktionen ausschließlich auf mangelnde Offenheit des Publikums zurückzuführen. Nicht jede Unterbrechung erzeugt Erkenntnis, und nicht jede Irritation ist bereits Ausdruck einer gelungenen künstlerischen Auseinandersetzung.
Frank Castorfs La forza del destino ist keine Inszenierung, die sich unmittelbar erschließt. Sie ist anstrengend, stellenweise überladen und in ihrer visuellen wie gedanklichen Vielfalt mitunter überfordernd. Gleichzeitig eröffnet sie Perspektiven, die über Verdis ursprüngliche Handlung hinausweisen. Der zentrale Widerspruch bleibt: Castorfs Regie verlangt Reflexion, wo Verdis Musik emotionale Hingabe ermöglicht. Daraus entsteht eine Spannung, die nicht immer künstlerisch überzeugt, aber Fragen nach unseren Erwartungen an die Oper aufwirft.
Alle guten Dinge sind drei. Für Mutter und Sohn eröffnete jeder weitere Besuch neue Zugänge und Erkenntnisse. Die Resonanz aus dem Publikum verdeutlicht zugleich, dass Castorfs Inszenierung auch nach dem Schlussapplaus weiterwirkt – sei es als Begeisterung, Irritation oder Widerspruch. Gerade darin liegt möglicherweise ihre besondere Qualität: Sie lässt niemanden gleichgültig und bietet Anlass zur Auseinandersetzung.
