Man könnte diese Giulio Cesare-Produktion leicht unterschätzen: eine zwanzig Jahre alte Inszenierung, hervorgeholt aus dem internationalen Repertoire, angesiedelt in einem Haus, das für barocke Intimität eigentlich zu groß scheint. Doch genau aus dieser scheinbaren Unwucht entsteht ein Abend, der weniger erklärt als verführt – und seine stärksten Momente dort findet, wo Musik den Körper ergreift.
Denn hier wird Musik nicht bloß gesungen. Sie wird getanzt, gespürt, durchlebt. Die Arien stehen nicht wie museale Schaustücke im Raum, sondern geraten in Bewegung. Besonders Cleopatra ist dabei mehr als eine Stimme: Sie ist ein vibrierendes Zentrum aus Klang und Gestik, aus rhythmischer Energie und körperlicher Präsenz. Wenn sie singt, tanzt sie – und wenn sie tanzt, scheint die Musik erst vollständig hörbar zu werden. Das ist keine Illustration der Partitur, sondern ihre Verkörperung.

© Nancy Jesse
Die Bühne trägt diesen Ansatz mit einer Ästhetik, die sich genüsslich im Überfluss verliert. Meer, Licht, ferne Horizonte – eine romantisch aufgeladene Welt, die zwischen Sehnsucht und Exotik oszilliert. Koloniale Bildzitate, orientalische Anklänge, historisches Patchwork: Alles ist erlaubt, solange es funkelt. Man könnte das eklektisch nennen. Oder konsequent. Denn diese Inszenierung will keine Ordnung schaffen, sondern einen Zustand erzeugen – ein Schwelgen in Farbe, Klang und Atmosphäre, fast wie ein leichter Rausch.
Und doch entsteht gerade aus dieser Sinnlichkeit eine überraschende Spannung: Die Musik pulsiert, treibt voran, wirkt beinahe überschäumend vital – während der Text von Intrigen, Verlust und Verzweiflung erzählt. Es ist, als würde die Musik den Schmerz nicht spiegeln, sondern ihm trotzen. Diese Diskrepanz – sanguinische Energie gegen melancholische Substanz – macht den Abend emotional so eigentümlich berührend.

© Nancy Jesse
Im Zentrum stehen zwei Frauenfiguren, die unterschiedlicher kaum sein könnten und gerade deshalb miteinander korrespondieren. Cleopatra, die Spielerin, die Verführerin, die sich in ihrer eigenen Darstellung erfindet – leicht, beweglich, von fast schwebender Eleganz. Elena Tsallagova verleiht ihr nicht nur vokale Strahlkraft, sondern eine seltene körperliche Musikalität: Sie tanzt, phrasiert mit jeder Geste, lässt die Musik durch Bewegung sichtbar werden und gewinnt so eine Präsenz, die über das rein Gesangliche hinausgeht. Ihre Entwicklung – von kapriziöser Leichtigkeit zu berührender Ernsthaftigkeit – geschieht dabei ebenso organisch wie zwingend.
Dem gegenüber steht Cornelia, gesungen von Stephanie Wake-Edwards, als Figur von ganz anderer Gravität. Ihr Spiel ist von einer konzentrierten Innerlichkeit geprägt, ihr Schmerz nicht ausgestellt, sondern verdichtet. Die Stimme: dunkel grundiert, in den Tiefen fast erdig, mit einer Ausdruckskraft, die weniger auf Virtuosität als auf klangliche Farbe setzt. Hier wird Trauer nicht gesungen, sondern verkörpert – eine Präsenz, die sich jeder Geste einschreibt.
Und Cesare? Christophe Dumaux gibt ihn weniger als heroischen Feldherrn denn als Figur in Bewegung: vom selbstgewissen Machtmenschen zum Liebenden, der an der eigenen Empfindsamkeit überrascht wird. Seine Stimme – klar geführt, virtuos in den Verzierungen – bleibt dabei stets kontrolliert, fast kühl, und setzt so einen bewussten Kontrast zur sinnlichen Überfülle um ihn herum.
Dass diese Oper mit ihren endlosen Da-capo-Arien leicht ins Stillstehen geraten könnte, wird hier elegant unterlaufen: kleine szenische Verschiebungen, Bewegungen und ironische Brechungen verwandeln Wiederholung in Variation und halten das Geschehen lebendig. Es ist diese leise Ironie, die den Abend trägt – nichts wird überdeutet, nichts auf Bedeutung festgelegt. Stattdessen: Spiel. Lust. Theater.
Man geht hinaus, noch ganz erfüllt von dieser sinnlichen Dichte. Die Musik klingt nach, die Bilder bleiben. Draußen: Vollmond. Und plötzlich scheint er weniger Zufall als Fortsetzung. Ein Abend, der nicht verklingt – sondern nachhallt.
