Es beginnt nicht mit einem Tanz, sondern mit einem Zuschlag. Ein Auktionshammer fällt – und mit ihm öffnet sich ein Leben. Die Inszenierung von „Nurejew“ wählt einen ebenso klugen wie berührenden Zugriff: Sie erzählt die Biografie des Jahrhunderttänzers entlang der legendären Christie’s-Versteigerung seines Nachlasses im Jahr 1995. Über tausend Objekte wechseln damals den Besitzer – und auf der Bühne werden sie zu Erinnerungsankern. Jeder Gegenstand, jedes Kostüm, jeder Brief ist ein Portal in eine andere Phase dieses exzessiven, widersprüchlichen Lebens.

© Carlos Quezada
Diese dramaturgische Idee entfaltet eine besondere Sogkraft. Zwar folgt die Inszenierung im Kern einer linearen Erzählung, doch wird diese durch die Rahmung der Auktion immer wieder gebrochen und gespiegelt. So entsteht kein strikt chronologisches Nacherzählen, sondern ein vielschichtiges Geflecht aus Erinnerungsmomenten, das sich nach und nach zu einem Porträt zusammensetzt. Besonders eindrücklich sind die Momente, in denen persönliche Dokumente – vor allem Briefe – das Geschehen durchbrechen und eine intime, fast fragile Ebene eröffnen.
Im Zentrum dieses Abends steht Martin ten Kortenaar in der Titelrolle – und er ist schlicht brillant. Mit einer beeindruckenden physischen Präsenz und zugleich feinen, präzisen Nuancierungen gelingt es ihm, Nurejew nicht als Denkmal, sondern als Mensch zu zeigen: verletzlich, eitel, getrieben, voller Sehnsucht. Seine Darstellung changiert zwischen ekstatischer Selbstinszenierung und stiller Zerbrechlichkeit. Besonders in den leisen Momenten gewinnt seine Interpretation an Tiefe – wenn Bewegung plötzlich innehält und ein Blick mehr erzählt als jede Choreografie.

© Carlos Quezada
Und diese Bilder sind überwältigend. Immer wieder kippt die Inszenierung in tableauartige Szenen, die wie fotografische Stillleben wirken – nicht zufällig erinnern sie an die ikonischen Mode- und Porträtfotografien von Richard Avedon. Diese „Fotoshootings“ auf der Bühne sind mehr als ästhetische Spielerei: Sie spiegeln Nurejews Selbstinszenierung, seine Nähe zur Modewelt, seinen Status als Ikone.
In der Szene „Brief an Rudi“ gewinnt der Abend eine besondere poetische Tiefe. Die großen Ballerinen Alla Ossipenko und Natalia Makarova, einst Nurejews prägende Tanzpartnerinnen, treten gleichsam aus der Zeit heraus und wenden sich über die Grenzen von Vergänglichkeit und Erinnerung hinweg an ihn. Ihre Stimmen wirken wie Echos einer gemeinsamen Vergangenheit – zart, eindringlich und von einer leisen Melancholie getragen. So entsteht ein Moment, in dem sich Zeit auflöst und die Bühne zu einem Raum des Weiterlebens wird, in dem Kunst und Beziehung den Tod überdauern.

© Carlos Quezada
Visuell arbeitet die Inszenierung immer wieder mit tableauartigen Arrangements, die an fotografische Inszenierungen erinnern. Diese „eingefrorenen“ Momente wirken wie sorgfältig komponierte Bilder eines Lebens, das sich stets auch selbst inszeniert hat. Sie kontrastieren wirkungsvoll mit den dynamischen, oft rauschhaften Tanzsequenzen.
Schauspiel, Tanz und Musik greifen dabei organisch ineinander. Die Übergänge sind fließend, die Szenen dicht gebaut. Das Ensemble überzeugt durchgehend, doch es ist vor allem die zentrale Figur, die diesen Abend trägt – und ihm seine emotionale Wucht verleiht.
Am Ende bleibt der Eindruck eines großen, vielschichtigen Theaterabends. Einer Inszenierung, die nicht nur erzählt, sondern erinnert. Und die zeigt, dass ein Leben manchmal am klarsten sichtbar wird, wenn man es durch die Dinge betrachtet, die es hinterlassen hat.
