Rebecca Saunders’ Oper Lash ist kein gewöhnlicher Opernabend – sie ist ein radikales Erlebnis, das die Grenzen des Hör- und Sehbaren sprengt. Was dem Publikum zugemutet wird, ist eine massive Überforderung aller Sinne: Musik, Sprache und visuelle Ebenen greifen nicht harmonisch ineinander, sondern erzeugen ein Fragmentarium, das mehr intellektuell dekonstruiert als emotional erfahrbar ist

Die Inszenierung konfrontiert mit einer Strukturauflösung, die kaum Ruhe lässt. Wie im Begleittext beschrieben, zerbricht Kohärenz, und das Publikum wird gezwungen, sich selbst eine Wahrnehmungsstruktur zu schaffen. Auch die Musik dient nicht mehr der klassischen Affektvermittlung, sondern begleitet den Zerfall des Bühnengeschehens – ein Konzept, das von Dirigent Enno Poppe mit feinem klangdramaturgischem Gespür umgesetzt wird.
Zitate aus surrealistischen Werken wie Buñuels *Der andalusische Hund* zerschlagen zusätzlich visuelle Erwartungen. Die Sängerinnen erscheinen überdimensioniert auf die Bühnenwände projiziert, was die Entfremdung noch steigert. Am Ende bleibt nichts Harmonisches – vielmehr dominiert ein fast körperlich spürbarer Ausnahmezustand. Das finale Schlaflied als Todeslied setzt diesem schmerzhaften Sog einen kalten, fast grausamen Schlusspunkt.
Saunders und Librettist Ed Atkins entwerfen mit *Lash* kein Narrativ, sondern einen kaleidoskopischen Klangkörper, der die „Acts of Love“ nicht eindeutig deutet, sondern in einer vieldeutigen, offenen Form erfahrbar macht.
Lash ist keine Oper für den Genuss, sondern für die Herausforderung. Sie verlangt vom Publikum, sich selbst zu entgrenzen – eine Erfahrung, die verstört, fasziniert und lange nachhallt.
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