Marina Abramovićs „Balkan Erotic Epic“ im Haus der Berliner Festspiele: Zwischen Erotik, Tod und kultureller Erinnerung ist die Künstlerin in zahlreichen Figuren präsent. Doch nicht alle Bilder entfalten die Intensität ihrer früheren Performancekunst.
Eine Frau in einem leuchtend roten Kleid blickt auf schwarz gekleidete Menschen, die ihre Arme zum Himmel strecken. Vor ihnen liegt ein aufgebahrter Körper. Die Szene zeigt eine sogenannte Schwarze Hochzeit, ein traditionelles Ritual aus Ostserbien, bei dem ein Verstorbener symbolisch mit einer lebenden Frau verheiratet wird. Hochzeit und Beerdigung verschmelzen zu einem eindrucksvollen Bild zwischen Leben und Tod.

Es ist einer jener Momente, in denen Marina Abramovićs Balkan Erotic Epic seine besondere visuelle Kraft entfaltet. Zugleich zeigt sich, wie sehr sich ihre Kunst verändert hat: Nicht mehr ihr eigener Körper steht im Mittelpunkt, sondern die Körper anderer, die ihre Erinnerungen und Erfahrungen verkörpern. Doch Abramović ist deshalb keineswegs abwesend. Im Gegenteil: Sie begegnet uns in zahlreichen Figuren und unterschiedlichen Rollen.
Die vielen Gesichter der Marina Abramović
Eine zentrale Figur ist ihre Mutter Danica, eine überzeugte Kommunistin, deren Leben von Disziplin und emotionaler Zurückhaltung geprägt war. Bei Titos Begräbnis salutiert sie vor dem verstorbenen Staatspräsidenten, während Trauernde rhythmisch auf ihre Brust schlagen. Politische Verehrung und persönliche Trauer verschmelzen zu einem monumentalen Ritual. Später beobachtet eine strenge Frau in Militäruniform jene Frauen, die sich zwischen Grabsteinen ihrer Trauer und ihrem sexuellen Verlangen hingeben. Die Figur verkörpert den Gegensatz zwischen gesellschaftlicher Kontrolle und körperlicher Freiheit. Besonders eindrücklich wird dieser Konflikt in der Kafana, einer traditionellen Balkantaverne. Die zunächst distanzierte Mutter lässt sich von Musik und Tanz mitreißen, legt ihre Zurückhaltung ab und führt schließlich einen Striptease auf.

Hier gewinnt die Inszenierung eine persönliche Tiefe. Abramović ermöglicht ihrer Mutter nachträglich jene emotionale und körperliche Freiheit, die ihr im Leben möglicherweise verschlossen blieb. Zugleich spiegelt sich darin die eigene künstlerische Biografie: Auch Abramovićs frühere Performances waren von äußerster Disziplin und Selbstkontrolle geprägt.
Zwischen kultureller Erinnerung und Folklore
Messertänze, Fruchtbarkeitsrituale, magische Liebespraktiken und traditionelle Klagegesänge bestimmen den Abend. Monumentale Videoprojektionen treffen auf folkloristische Kostüme, nackte Körper auf ausgelassene Tänze.

Besonders die gemeinschaftlichen Gesänge und rhythmischen Bewegungen entfalten eine beeindruckende Energie. Doch die Inszenierung bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen kultureller Erinnerung und exotisierender Folklore. Die überdimensionalen phallischen Pilze, demonstrativen sexuellen Gesten und wiederkehrenden Fruchtbarkeitssymbole wirken zunehmend wie Illustrationen bekannter Vorstellungen. Der Balkan erscheint als Welt archaischer Rituale und leidenschaftlicher Körperlichkeit, während deren gesellschaftliche Hintergründe weitgehend ausgeblendet bleiben.
Erotik und Tod – die Grenzen der Bilder
Besonders deutlich wird die Ambivalenz in den Friedhofsszenen. Nackte Frauen massieren ihre Brüste über Grabsteinen und tanzen mit Skeletten. Erotik und Trauer werden unmittelbar miteinander verbunden. Die Vorstellung, dass körperliches Verlangen auch nach dem Verlust eines geliebten Menschen fortbesteht, besitzt durchaus emotionale Kraft. Doch die wiederholten erotischen Gesten entwickeln kaum neue Bedeutungen. Die Skelette erscheinen zunehmend als Requisiten eines aufwendig arrangierten Spektakels. Abramović versteht Wiederholung als Mittel, um gesteigerte Gegenwärtigkeit zu erzeugen. Hier jedoch intensiviert sie das Geschehen nicht immer. Manche Bilder verlieren durch ihre Wiederholung an Spannung.
The Artist Is Present – aber anders
Die interessanteste Dimension des Abends liegt in Abramovićs veränderter Präsenz. Früher war ihr eigener Körper der Ort unmittelbarer Grenzerfahrung. Schmerz, Erschöpfung und Verletzlichkeit waren keine dargestellten Zustände, sondern reale Ereignisse. Nun übernehmen andere Körper die Darstellung ihrer Geschichte. Abramović begegnet uns in der disziplinierten Mutter, der strengen Beobachterin und den Frauen, die zwischen gesellschaftlichen Zwängen, körperlichem Begehren und dem Wunsch nach Freiheit stehen. Nicht jede Figur ist ein unmittelbares Abbild der Künstlerin. Gemeinsam spiegeln sie jedoch zentrale Konflikte ihrer Biografie: Kontrolle und Hingabe, Macht und Widerstand, Verletzlichkeit und Selbstbestimmung.
